V wie Verleugnung

»Verleugnung hat einen schlechten Ruf, aber sie kann vorübergehend sehr hilfreich sein. Die Probleme fangen an, wenn man in der Haltung des Nicht-wahrhaben-Wollens verharrt, denn das Trauma geht davon nicht weg. Es setzt sich im Körper fest, vor allem bei Kindern. Je mehr sie es zu unterdrücken versuchen, desto mehr Wege findet der Körper, es zum Vorschein zu bringen.« (Karen Slaughter: Dunkle Sühne, Seite 549)

Verleugnung kann ein Signal dafür sein, dass etwas wirklich Schlimmes geschehen ist. Weil der natürliche Instinkt den Verstand davor beschützt zu zersplittern. Wenn wir Außenstehenden alle Beobachtungen dokumentieren, sie sammeln und auswerten, dann ergibt sich ein aussagefähiges Bild. Am besten, indem wir den Fokus zu behalten, statt den Faden zu verlieren.

Verleugnung kann so aussehen:

  • Jemand sagt: »Was ist eigentlich für Kinder so schlimm an sexuellen Begegnungen?«
  • Du denkst spontan: »Das kann nicht sein.«
  • Eine zuständige Sozialarbeiterin im Jugendamt sagt: »Solche Bilder kann mir jeder zeigen.« (Kinderzeichnung, die auf sexuelle Übergriffe hinweist.)

oder auch so:

  • Ein Kind berichtet von beunruhigenden Vorgängen nach dem Besuch beim Vater. Sein Vater nimmt den Penis in die Hand. Der beratende Psychologe sagt später zum Tätervater: »Berühren Sie Ihr Kind beim Duschen nicht im Intimbereich.« Gleichzeitig befürwortet er den unbegleiteten Umgang der Kinder.
  • Aus einem familienpsychologischen Gutachten zu Fragen des Umgangs des Kindes: »M. ist als Kind einzustufen, das keine sexualisierten Verhaltensweisen gegenüber Dritten zeigt oder Äußerungen über sexuelle Übergriffe gegenüber Dritten macht. Lediglich seitens der Mutter werden entsprechende Beobachtungen vorgetragen, welche durch den Unterzeichner aber nicht abschließend bewertet werden können. Hinweise, die die Angaben stützen, konnten im Rahmen der Begutachtung nicht gefunden werden.«
  • Der Gutachter rät im selben Schreiben davon ab, eine Fachstelle zu Fragen sexualisierter Gewalt hinzuzuziehen. Er unterstellt, dass diese nicht neutral sein könne, ihre Unterstützung auf sexuellen Missbrauch fokussiere und nicht in der Lage sei, Befürchtungen zu relativieren. 
  • »Bei der Befragung der Eltern wurde ein spezifisch entwickelter Gesprächsleitfaden eingesetzt, der unter anderem die Aspekte biografische Daten, Sicht der aktuellen Situation im Hinblick auf die gerichtliche Fragestellung, zentrale Aspekte der elterlichen Beziehungsgeschichte und der Entwicklungen nach der Elterntrennung, vertiefte Befragung zum Kind (u.a. die Aspekte kindliche Verhaltensweisen, kindliche Entwicklung, elterliche Erziehungsvorstellungen und Erziehungsverhalten, Aspekte der Bindung, Wahrnehmung der Elternrollen und Bindungstoleranz, sowie Wünsche und Lösungsvorschläge im Hinblick auf die gerichtlich Fragestellung) beinhaltet. Bei Bedarf können mit dem Leitfaden vertiefend spezifische Themenbereiche (z.B. Elternkonflikt, psychiatrisch relevante Belastungen, spezifische kulturelle oder religiöse Einstellungen, Bereitschaft zur Annahme von Hilfen u.a.) erhoben werden.« Hier verkennt der Psychologe, dass die Mittel wenig geeignet sind, einen Verdacht auf sexualisierte Gewalt abzuklären.

Lass dich nicht ablenken. Es ist wichtig, dass wir Kinder vor sexuellen Übergriffen schützen. Statt uns selbst.

V wie Verleugnung

P.S.: Möchtest du für deine Organisation einen Workshop buchen, zum Beispiel zum Erkennen sexualisierter Gewalt gegen Kinder? Dann schreib mir gerne an: trains@andreabrummack.de

P.P.S.: Wenn du meine Expertise zum Thema sexualisierte Gewalt in familiengerichtlichen Verfahren nutzen möchtest, biete ich fokussierte Stellungnahmen an. Mehr Informationen findest du hier.


Über die Autorin

Andrea Brummack

Andrea Brummack ist freie Sachverständige in Fragen sexualisierter Gewalt. Sie hilft Menschen, sexuelle Übergriffe zu bewältigen – auf der Basis nonverbaler Methoden. Sie forscht zu Traumafolgelösungen, publiziert darüber und entwickelt Fortbildungen, Workshops etc.

Ihr Buch „Way Out: Sichere Hilfe für missbrauchte Kinder. Was hilft und was heilt“ ist beim Springer-Verlag Berlin Heidelberg erschienen. Sie lebt derzeit in Tübingen bei Stuttgart, glaubt an die tägliche Portion Stille und liebt gut gemachte Krimis, in denen die Bösen ihr Fett ab kriegen. Ohne Glitzer.

„Meine Vision ist eine neue Generation von sozialen Fachkräften, die leicht mit dem Thema sexualisierte Gewalt gegen Kinder umgehen. Ich wünsche mir lebendige Beziehungen im Kinderschutz. Und ich verstehe, dass sozialpädagogische Fachkräfte ihre Arbeit lieben – auch wenn der Stress gewaltig ist. Weil da diese Kinder sind. Diese kleinen, unverfälschten Menschen.”