💬 Wie kommt es, dass psychologische Gutachten in familiengerichtlichen Verfahren manchmal mehr schaden als helfen?
Nicht jedes psychologische Gutachten ist problematisch. Es gibt Gutachter*innen, die ihre Pflicht mit Empathie und Fachwissen tun. Wenn der Verdacht auf sexualisierte Gewalt im Raum steht, haben viele dieser Gutachten gravierende Mängel – oft mit dramatischen Folgen für betroffene Kinder.
Ein zentrales Problem: Vielen Gutachter*innen fehlt ausreichendes Wissen über Traumafolgen. Sie berücksichtigen weder die Innenwelt traumatisierter Kinder noch ihre instinktive Unterwerfungsreaktion gegenüber einem misshandelnden Elternteil. Stattdessen erwarten sie sichtbare Zeichen von Angst oder Ablehnung. Ein fataler Irrtum.
Gerichte verlassen sich auf psychologische Gutachten, obwohl diese kindliche Schutzmechanismen oft missinterpretieren. Ich habe gelernt, dass psychologische Gutachten parteiische Erwachseneninteressen begünstigen können.
Familienrichter*innen brauchen mehr Informationen, um sich am Kindeswohl zu orientieren
Deshalb schreibe ich fokussierte Stellungnahmen. Sie sind weniger formell, umfassen weniger Seiten und sparen Zeit und Kosten. Doch ihr Ziel ist dasselbe: Sie sollen dem Familiengericht eine fundierte Entscheidungsgrundlage bieten – aus der Perspektive des Kindes.
Viele Gutachter*innen reagieren gekränkt, wenn ein Kind nicht auf ihre Befragung anspricht. Zum Beispiel so: Dem sage ich doch nicht, was der Papa mit mir gemacht hat.
Ich habe in einigen Gutachten deutliche Hinweise auf diese Kränkung gelesen und sie in mündlichen Aussagen gehört. Wenn ein Kind sprachlich nicht erreichbar ist, ziehen manche Verantwortliche daraus gefährliche Schlüsse.
So kann es passieren, dass die Ambivalenz eines Kindes gegenüber dem misshandelnden Elternteil als Zeichen für eine intakte Beziehung zur Täterperson fehlinterpretiert wird.
Über die Autorin

Andrea Brummack ist freie Sachverständige in Fragen sexualisierter Gewalt. Sie hilft Menschen, sexuelle Übergriffe zu bewältigen auf der Basis nonverbaler Methoden. Sie forscht zu Traumafolgelösungen, publiziert darüber und entwickelt Fortbildungen, Workshops etc.
Ihr Buch „Way Out: Sichere Hilfe für missbrauchte Kinder. Was hilft und was heilt“ ist beim Springer-Verlag Berlin Heidelberg erschienen. Sie lebt derzeit in Tübingen bei Stuttgart, glaubt an die tägliche Portion Stille und liebt gut gemachte Krimis, in denen die Bösen ihr Fett ab kriegen. Ohne Glitzer.
»Meine Vision ist eine neue Generation von sozialen Fachkräften, die leicht mit dem Thema sexualisierte Gewalt gegen Kinder umgehen. Ich wünsche mir lebendige Beziehungen im Kinderschutz. Und ich verstehe, dass sozialpädagogische Fachkräfte ihre Arbeit lieben, auch wenn der Stress gewaltig ist. Weil da diese Kinder sind. Diese kleinen, unverfälschten Menschen.«