H wie Hinweise

Hinweise und Anhaltspunkte sind diejenigen Tatsachen, auf deren Grundlage wir Kindeswohlgefährdungen erkennen. Soziale Fachkräfte haben dabei einen gesetzlich geregelten Schutzauftrag nach § 8a KJHG: sie bilden sich eine fachliche Meinung, schätzen Gefährdungsrisiken ein und leiten Schutzmaßnahmen ein.

  • Konkret: Ein Hinweis wird dann relevant, wenn er auf eine mögliche Gefährdung hinweist. Der Gesetzestext spricht von gewichtigen Anhaltspunkten.
  • Kombiniert: Einzelne Signale mögen harmlos wirken, oder beliebig – doch in Zusammenhang mit weiteren Auffälligkeiten können sie auf eine Kindeswohlgefährdung hinweisen.
  • Unmittelbar: Es ist wichtig, sich selbst ein Bild vom Kind, seiner Umgebung und seinem Erleben zu machen – und dennoch ist Fachwissen über Gewalt, über Traumafolgen wie z.B. ‚Unterwerfung‘ entscheidend, um die Tragweite richtig einzuschätzen.

Hinweise ernst nehmen

  • Gefährdung zusammen im Team einschätzen: Kinderschutz ist ein Verlauf, eine Wegstrecke und keine Einbahnstraße – darum bewerte Hinweise am besten im Austausch zusammen mit anderen, um voreilige Schlüsse zu vermeiden. Wenn du die Möglichkeit zum interdisziplinären Austausch hast, also Fachkräfte mit verschiedenen Perspektiven (z. B. psychologisch, pädagogisch, juristisch u.a.) einbeziehst, dann wird das den Schutz für Kinder optimieren.
  • Erziehungsberechtigte und Kinder einbeziehen: Soweit es der Schutz des Kindes erlaubt, gehört auch der Dialog mit den Angehörigen eines Kindes dazu. Wäg jedoch genau ab, ob du mutmaßliche Täterpersonen einbeziehen willst – damit du vermeidest, sie zu warnen bzw. ihnen einen Vorsprung zu geben.
  • Kooperation mit HinweisgeberInnen: Hinweise von (beschützenden) Bezugspersonen eines Kindes sind oft wertvolle Informationen um das Risiko besser zu verstehen. Gleichzeitig ist es wichtig (je nachdem, in welcher Rolle du bist), sie bei der Verarbeitung ihrer Unsicherheiten und Belastungen zu unterstützen – oft sind sie emotional betroffen und brauchen Orientierung.

Jeder Hinweis kann ein Baustein sein, um Kindeswohlgefährdungen zu erkennen, zu benennen und die Gewalt zu stoppen. Mehr über den § 8a und den Schutzauftrag nachlesen: 🔗 Gesetze im Internet

Nützliche Hilfsmittel

1) Journal für Kinderschutz

Das »Journal für Kinderschutz« kann dir Klarheit geben. Es ist ein dynamisches Werkzeug, das dir dabei hilft, deine Gedanken zu ordnen. Schreiben heißt Worte finden, es heißt dokumentieren, sich absichern und entlasten. Gefahren für das Kindeswohl fordern heraus. Du bist verantwortlich, und du gehst an deine Reserven. Durch das Aufschreiben siehst du, was sich verändert. Du pflegst eine Kultur des Hinschauens.

Wie funktioniert es?

Für deine Routine findest du Gedankenimpulse, die dich darin unterstützen, dir ein Bild von möglichen Gefährdungen zu machen. Die Abläufe wiederholen sich und begleiten dich im Alltag mit Kindern, Jugendlichen und Klient*innen, für die du verantwortlich bist. In jeder Einheit hast du die Möglichkeit, deinen Auftrag zu klären und genau zu bestimmen, wo du stehst. Außerdem bekommst du informative Grundlagen; damit kannst du dich auf die Reflexionen einstimmen und sie am Ende Revue passieren lassen.

Bestens vorbereitet

Die Schreibroutine bereitet dich darauf vor, fachlich Position zu beziehen und gleichzeitig auch auf Stellungnahmen, die für Familienrichter*innen wichtig sind, um tragfähige, kinderschützende Entscheidungen zu treffen.

Wenn es dazu kommt, dass ein Anwalt die Interessen misshandelter Kinder in einem Umgangsverfahren vertritt, dann hast du genau die Daten, Zahlen und Fakten auf dem Papier, die jetzt wichtig sind. Und falls du sie selbst vertrittst, weil niemand anders da ist, weil du alleine mit deiner Meinung dastehst, falls deine Organisation keine eigene Rechtsabteilung hat usw.

Kinderschutz heißt oft Krisenmodus statt Solidarität und Verständnis, es bedeutet Widersprüche, Probleme und tragische Fälle. Nutze das Potential einer guten Dokumentation.

Der Weg zu mehr Aussagekraft

Wenn du dir beim Verdacht auf sexualisierte Gewalt eine fachliche Meinung bilden möchtest: Das Journal für Kinderschutz ist ein dynamisches Werkzeug, das dir hilft, den Fokus zu behalten und besonnen zu handeln.

J wie Journal

2) Fachbuch: Signale von Kindern nach sexualisierter Gewalt

Kultur des Hinschauens

»Mach, dass es aufhört. Signale von Kindern nach sexualisierter Gewalt« ist ein Fachbuch für soziale Fachkräfte, das ihnen hilft, mit dem Thema sexualisierte Gewalt umzugehen. So können sie Kinder vor Gewalt bewahren, sie aus der Gefahr holen. Damit weniger Kinder sexuelle Übergriffe erleben und Täterpersonen viel früher gestoppt werden. Es handelt von Lösungen, die dir Druck nehmen, die Hürden kleiner machen, und von einer Kultur des Hinschauens.

Der erhärtete Verdacht

Kinder müssen in der Regel 8 Mal um Hilfe bitten, ehe ihnen jemand glaubt. Und dazu kommt, dass betroffene Kinder selten sprachlich auf ihre Not aufmerksam machen. Nach meiner Erfahrung liegen die Signale von Kindern in vier Bereichen: Sprachlich, szenisch, gegenständlich, atmosphärisch. Und meine These ist: Wenn Signale aus mehr als zwei Bereichen vorliegen, dann erhärtet sich der Verdacht.

Gewalt stoppen

Wenn wir Signale von Kindern nach sexualisierter Gewalt erkennen, dann können wir diese Gewalt beenden. Dieses Buch beschreibt den Weg, wie es für uns alle, für Sie, auch für Ihre Kolleginnen und Kollegen, Freunde, Nachbarn, für Behörden, Vorgesetzte, Ihre Mitarbeitenden u.s.w., leichter wird, Kinder vor sexualisierter Gewalt zu beschützen. Wir beziehen uns auf einen Katalog der Signale, unterteilen die Anhaltspunkte und Hinweise in vier Bereiche und gehen methodisch vor. Das macht es möglich, die Gefahren fürs Kindeswohl von einer neuen Basis aus einzuschätzen.

Signale von Kindern nach sexualisierter Gewalt

Über die Autorin

Andrea Brummack

Andrea Brummack ist freie Sachverständige in Fragen sexualisierter Gewalt. Sie hilft Menschen, sexuelle Übergriffe zu bewältigen – auf der Basis nonverbaler Methoden. Sie forscht zu Traumafolgelösungen, publiziert darüber und entwickelt Fortbildungen für soziale Fachkräfte.

Ihr Buch „Way Out: Sichere Hilfe für missbrauchte Kinder. Was hilft und was heilt“ ist beim Springer-Verlag Berlin Heidelberg erschienen. Sie lebt derzeit in Tübingen bei Stuttgart, glaubt an die tägliche Portion Stille und liebt gut gemachte Krimis, in denen die Bösen ihr Fett ab kriegen. Ohne Glitzer.

„Meine Vision ist eine neue Generation von sozialen Fachkräften, die leicht mit dem Thema sexualisierte Gewalt gegen Kinder umgehen. Ich wünsche mir lebendige Beziehungen im Kinderschutz. Und ich verstehe, dass sozialpädagogische Fachkräfte ihre Arbeit lieben – auch wenn der Stress gewaltig ist. Weil da diese Kinder sind. Diese kleinen, unverfälschten Menschen.”