Eine Mutter ruft mich an. Sie erzählt mir vom Verdacht auf sexuellen Missbrauch, den sie gegenüber ihrem Ex-Mann hat.
„Als wir noch zusammen gelebt haben, hat er unserer Tochter auch Zungenküsse gegeben. Als ich das ansprach, sagte er mir, dass das völlig normal sei und ich hätte einfach nie Liebe von meinen Eltern bekommen.”
Sie zögert kurz. Dann fragt sie: „Ist das denn Liebe?”
„Nein”, sage ich, verstehe aber, dass sie irritiert ist. Und dass die Verschleierungstaktik des mutmaßlichen Täters greift.
Missbrauchende Eltern verwechseln nicht Liebe mit Sex – sie rechtfertigen ihren Sorgerechtsmissbrauch, um weitermachen zu können.
Sie schaden ihren Kindern. Sie sind weder bereit noch fähig, diese Gefahr abzuwenden. Die juristische Konsequenz wäre der Ausschluss des Umgangsrechts für den missbrauchenden Elternteil.
Argumente für das Aussetzen des Umgangs
- Retraumatisierung verhindern: Jede Begegnung mit einer mutmaßlichen Täterperson kann schweren seelischen Schaden anrichten.
- Risikofaktor Verwandtschaft: Je enger die Bindung, je näher der Verwandtschaftsgrad, desto stärker die psychischen Folgen für das Kind.
- Betreuter Umgang begünstigt Retraumatisierungen: Neuere Erkenntnisse zeigen, dass auch unter Aufsicht massive seelische Schäden entstehen können.
- Zungenküsse sind ein sexueller Übergriff, ein Grenzübertritt mit eindeutigem Missbrauchscharakter.
- Fehlende Bereitschaft zur Gefahrenabwehr: Wer Kindeswohlgefährdung verharmlost oder fortsetzt, dem fehlt Erziehungsfähigkeit.
- Angepasstes Verhalten kann täuschen: betroffene Kinder können an ihrem Täter festhalten, weil sie die Gewalt abgespalten oder verharmlosen – aus einem Instinkt heraus (Fawn-Effekt), aus Angst oder Loyalität. Wer dies als „intakte Bindung“ wertet, irrt sich.

P.S.: Wenn du für deine Organisation einen Workshop buchen möchtest, zum Beispiel zum Erkennen sexualisierter Gewalt gegen Kinder, dann schreib mir gerne eine Mail an: trains@andreabrummack.de
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Über die Autorin

Andrea Brummack ist freie Sachverständige in Fragen sexualisierter Gewalt. Sie hilft Menschen, sexuelle Übergriffe zu bewältigen – auf der Basis nonverbaler Methoden. Sie forscht zu Traumafolgelösungen, publiziert darüber und entwickelt Fortbildungen, Workshops etc.
Ihr Buch „Way Out: Sichere Hilfe für missbrauchte Kinder. Was hilft und was heilt“ ist beim Springer-Verlag Berlin Heidelberg erschienen. Sie lebt derzeit in Tübingen bei Stuttgart, glaubt an die tägliche Portion Stille und liebt gut gemachte Krimis, in denen die Bösen ihr Fett ab kriegen. Ohne Glitzer.
„Meine Vision ist eine neue Generation von sozialen Fachkräften, die leicht mit dem Thema sexualisierte Gewalt gegen Kinder umgehen. Ich wünsche mir lebendige Beziehungen im Kinderschutz. Und ich verstehe, dass sozialpädagogische Fachkräfte ihre Arbeit lieben – auch wenn der Stress gewaltig ist. Weil da diese Kinder sind. Diese kleinen, unverfälschten Menschen.”