Du hast einen Verdacht? Ist es wahrscheinlich, dass er zutrifft?
Gerade weil das Feld rund um Verwahrlosung und Gewalt so verwirrend ist, weil die Psychodynamik unmöglich zu umgehen ist, gibt es den §8a im Kinder- und Jugendhilfegesetz. Er steht da als einziger Paragraf, der ein genaues Vorgehen beschreibt.
Die erste Reaktion beim Verdacht auf sexualisierte Gewalt gegen ein Kind, beispielsweise, ist wie eine instinktive Abwehr. Du rutschst in ein Spannungsfeld. Dann erst kommen die Gedanken, Reflexionen und Gespräche, die dich handlungsfähig machen.
First things first
Dreh- und Angelpunkt ist die Gefährdungseinschätzung. Ein bisschen ist es Übungssache, ein bisschen ist es Know how, und ein bisschen ist es die Bereitschaft, dich aus dem Fenster zu lehnen.
Jetzt dokumentierst du auf jeden Fall, was dir aufgefallen ist. Das bedeutet
- Du sammelst die Beobachtungen, die Auffälligkeiten, Hinweise und Anhaltspunkte, hältst die Daten schriftlich fest oder tauschst dich aus
- Du ziehst jemanden hinzu, und ihr sprecht über deinen Verdacht, du bereitest deinen Standpunkt vor.
- Du beziehst Stellung, du nimmst einen Standpunkt ein.
Du entscheidest, wen du hinzuziehst.

Mögliche Kooperationspartner
- Jemand im Team
- Insofern erfahrene Fachkraft
- Beratungsstelle in deiner Nähe
- Zuständige Sozialarbeiter*in beim Jugendamt in deiner Nähe
- Hilfetelefon Sexueller Missbrauch 0800 22 55 530
- Fachübergreifende kollegiale Beratung oder Intervision
- Externe sachverständige Beratung
In Absprache kannst du eine schriftliche Stellungnahme einbringen. Diese unterstützt die zuständigen Sozialarbeiter*innen beim Jugendamt; sie kann von einem Richter oder einer Richterin im späteren Verfahren für seine Entscheidungen wichtig werden. Du machst dir ein Bild, zusammen mit anderen, und beziehst Stellung.
Das sind mögliche Wege, um Stellung zu beziehen
- Schriftlich
- Fokussiert und strategisch
- Du kommunizierst, was du weißt und wie du es bewertest
- Du sprichst/schreibst über deine Beobachtungen und gibst sie weiter
- Du formulierst deinen Verdacht und verwendest die juristischen Begriffe aus dem Gesetzestext
Deine Stellungnahme bekommt mehr Gewicht, wenn du
- deine Fachlichkeit signalisierst,
- die Evidenz der von dir zusammengefassten Informationen und auch
- dein Verständnis für die Familiengrundrechte deutlich machst und
- die Reflexion über den möglichen Konflikt zwischen Eltern- und Kinderrechten.
Dann beginnt deine Stellungnahme, für andere mehr und mehr eine Rolle zu spielen.
Du brauchst Rückhalt, denn das Spannungsfeld bleibt bestehen, meistens wird es jetzt sogar noch stärker. Es ist sehr wahrscheinlich, dass du auf diese Spannungen reagierst – innerlich und auch äußerlich – mit Zweifeln, mit einem Rückzieher, mit Vorsicht oder Vorpreschen, einem seltsamen inneren Zustand (Befindlichkeit), mit Fantasievorstellungen, Katastrophenerwartungen u.a.
Das Umfeld reagiert. Irgendjemand wird in ein täterschützendes Verhalten rutschen. Irgendjemand wird immer beschwichtigen. Jemand wird vielleicht sehr wütend. Am besten ist es, wenn du die Nerven behalten kannst und gut für dich sorgst.
Das Jugendamt nimmt seinen Schutzauftrag wahr, indem ein zuständiger Sozialarbeiter oder eine zuständige Sozialarbeiterin das Familiengericht anruft. Ein Richter oder eine Richterin wird entscheiden, wie das Kind zu schützen ist. Du lässt los und gibst ab: Du hast getan, was in deiner Hand liegt.
Hier kannst du dich an einer Timeline orientieren
Wenn du dir beim Verdacht auf sexualisierte Gewalt eine fachliche Meinung bilden möchtest: Die Timeline Kindeswohl: Meldung nach §8a KJHG unterstützt dich online mit einem Schema zum Ablauf. So gehst du vor beim Verdacht auf (sexuelle) Gewalt.
Über die Autorin

Andrea Brummack ist freie Sachverständige in Fragen sexualisierter Gewalt. Sie findet mit dir Traumafolgelösungen – auf der Basis nonverbaler Methoden. Sie forscht zum Thema sexualisierte Gewalt, publiziert darüber und entwickelt Fortbildungen, Workshops etc.
Ihr Buch „Way Out: Sichere Hilfe für missbrauchte Kinder. Was hilft und was heilt“ ist beim Springer-Verlag Berlin Heidelberg erschienen. Sie lebt derzeit in Tübingen bei Stuttgart, glaubt an die tägliche Portion Stille und liebt gut gemachte Krimis, in denen die Bösen ihr Fett ab kriegen. Ohne Glitzer.
„Meine Vision ist eine neue Generation von sozialen Fachkräften, die leicht mit dem Thema sexualisierte Gewalt gegen Kinder umgehen. Ich wünsche mir lebendige Beziehungen im Kinderschutz. Und ich verstehe, dass sozialpädagogische Fachkräfte ihre Arbeit lieben – auch wenn der Stress gewaltig ist. Weil da diese Kinder sind. Diese kleinen, unverfälschten Menschen.”