So gehen sozialpädagogische Fachkräfte gut mit sexuellem Missbrauch an Kindern um

Sexueller Missbrauch: Kinder und Jugendliche haben gute Chancen, sexuelle Übergriffe zu verarbeiten – ohne Langzeitfolgen. Wenn wir ihnen glauben, sie vor weiteren Übergriffen schützen, und ihnen die notwendige Unterstützung geben. Dazu gehört es unbedingt, dass wir sexuellen Missbrauch erkennen, beenden und bewältigen.

Inhalt

1.) Warum sexueller Missbrauch uns alle angeht
2.) Das können soziale Fachkräfte tun, um Kinder aus der Gefahr zu holen
3.) So ist Schluss mit Hilflosigkeit, Überreaktionen und Angst im Umgang mit missbrauchten Kindern 
4.) Vier Säulen für guten Kinderschutz. Das brauchst du unbedingt für guten Kinderschutz bei sexuellem Missbrauch
5.) Stolpersteine und Fallen für soziale Fachkräfte und warum sie unvermeidbar sind.
Plus: Wie eine Lebensgeschichte trotzdem gut ausgeht.
6.) Neue Lösungen: Profitiere von meinem Know How beim Verdacht auf sexuellen Missbrauch


1.) Warum sexueller Missbrauch uns alle angeht

a.) Sexueller Missbrauch kommt sehr oft vor

Jede achte Person erlebt im Lauf ihrer Kindheit oder Jugend sexuelle Gewalt. Etwa jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder neunte bis zwölfte Junge bis zum 18. Lebensjahr. Mädchen erleben sexuellen Missbrauch öfter. Jungen sind immer häufiger betroffen – oder sie trauen sich heute mehr, darüber zu sprechen. Die meisten Kinder sind zum Zeitpunkt des Missbrauchs zwischen sechs und dreizehn Jahre alt. Auch Säuglinge und Kleinkinder erleben sexuelle Gewalt. 

„Eine genaue Schätzung der Häufigkeit … ist kaum möglich.“ sagen die Experten aus dem Team um Jörg Fegert. Es ist normal, dass die Daten schwammig sind. Damit ist Deutschland in der Welt nicht alleine. Die Fälle, die unbekannt bleiben, liegen im Dunkeln. Sie sind die sogenannte Dunkelziffer, oder das Dunkelfeld. Experten schätzen es auf 30mal so hoch wie die Zahl der bekannten Fälle.

So entsteht die hohe Dunkelziffer

  • Die meisten Menschen zeigen sexuellen Missbrauch ungern an – weil sie sich schützen, weil sie ihre Einrichtung schützen, und weil sie sich schämen.
  • Ein weiteres Problem ist das Nicht-Aussprechen-Können nach sexuellem Missbrauch – weil die neurobiologische Reaktion im Gehirn einem die Sprache verschlagen kann. 
  • Kinder kennen wenige Worte für sexuelle Handlungen – oder gar keine.
  • Die Täterinnen und Täter haben mächtige Strategien, um Kinder zum Schweigen zu bringen.

Das sind weitere Daten und Fakten

  • Experten schätzen die Zahl der schweren Fälle von sexuellem Missbrauch auf 1,9%
  • Behinderte Kinder und Jugendliche oder in Heimen und Internaten sind besonders verletzlich, sie brauchen mehr Schutz – und erleben dennoch öfter sexuellen Missbrauch
  • sexueller Missbrauch ist kein isoliertes Phänomen, Kinder und Jugendliche erfahren oft verschiedene Formen von Gewalt
  • Kinder und Jugendliche machen häufig sexuelle Onlineerfahrungen

Sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen hat oft böse Folgen: Viele leiden unter psychischen Störungen und sind für ihr ganzes Leben psychisch belastet. Die Probleme bleiben oft bis ins hohe Alter.

Weitere Folgen von sexuellem Missbrauch

  • Schäden an der körperlichen Gesundheit 
  • Biologische Veränderungen (Immunsystem, Gehirnentwicklung u.a.)
  • Einschränkungen im sozialen Bereich
  • Emotionale Lasten und Mentale Folgen. Die Schulfähigkeit und Berufstätigkeit stehen auf der Kippe.

Kinder werden oftmals selbst zu Täterinnen und Tätern. Wenn nichts geschieht geben täterisierte Kinder ihr Trauma an die nächste Generation weiter. Wenn alles so bleibt, oder wenn das Falsche getan wird. Manche geben die erlebte Gewalt über Generationen hinweg in die Zukunft weiter. 

Do not forget: In jeder Schulklasse sitzen auch Kinder, die sexuell gewalttätig, also potentiell gefährlich sind für die anderen. 

Und (!) neben den Folgen, die man in Geld nicht messen kann, gibt es auch die Traumafolgekosten. Sie liegen – geschätzt im Jahr 2008 – bei bis zu 29,8 Milliarden Euro. Das sind 1,2% des Bruttoinlandsprodukts. Pro Kopf 363,58 Euro Folgekosten jedes Jahr. Expertise zu Häufigkeitsangaben zum sexuellen Missbrauch

b) Sexueller Missbrauch zieht Menschen in einen Bann

Einmal ganz klar: Die Folgen von sexuellem Missbrauch wirken auch auf die Umgebung. Das funktioniert so: Menschen sind Säugetiere mit einer sozialen Biologie. Sie sind auf Beziehungen angewiesen, um zu überleben. Darum haben sie Sensoren für die Gefühle und Gedanken anderer Menschen. Sie können diesem sozialen Sinn nicht ausweichen.

So spüren wir die Not von Mitmenschen

Im selben Raum mit einem missbrauchten Kind spüren wir einen Druck. Das kommt von einer neurobiologischen Reaktion im Gehirn. Es wird nicht besser vom Wegsehen – davon rutscht die Reaktion nur noch mehr ins Unbewusste. Sie wirkt noch stärker. Sie steuert aus der Tiefe das Verhalten. Ich bin ein gutes Beispiel dafür: die sexuelle Gewalt, die Schulfreundinnen in meiner Kindheit erlebt haben, beeinflusst mich bis heute, bis in meinen Beruf. 

Was ist sexueller Missbrauch?

Sexueller Missbrauch oder sexuelle Gewalt an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor Kindern gegen deren Willen vorgenommen wird. Das gilt auch, wenn sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können. Die Täterpersonen nutzt dabei ihre Macht- und Autoritätsposition aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.

Diese sozialwissenschaftliche Definition bezieht sich auf alle Minderjährigen. Bei unter 14-Jährigen ist grundsätzlich davon auszugehen, dass sie sexuellen Handlungen nicht zustimmen können. Diese sind immer als sexuelle Gewalt zu werten, selbst wenn ein Kind damit einverstanden wäre.

Sexualisierte Gewalt sind körperliche, aber auch sprachliche oder visuelle Verletzungen der persönlichen Schamgrenzen. Das kann auch ohne Berührung stattfinden, wie beispielsweise ungefragtes Versenden von Nacktbildern, heimliches Erstellen von Fotos, oder anzügliche bzw. verletzende Ausdrücke. Alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von Geschlecht, Alter und Herkunft können von sexualisierter Gewalt betroffen sein.

Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen ist immer sexualisierte Gewalt und damit verboten. Die übergriffigen Personen können Männer und auch Frauen sein, dabei spielt das Geschlecht der betroffenen Person oft keine Rolle. Denn sexualisierte Gewalt ist eine Form von Gewalt und keine Form von Sexualität.

c) Sexualität gehört zu jedem, zu uns allen

Wir sind alle sexuell – und darum können wir dem Gräuel beim Verdacht auf sexuellen Missbrauch nicht ausweichen. Sexueller Missbrauch ist für jeden nah dran. Näher als zu lesen, dass in der Mongolei 10.000 Menschen in einem Erdloch verschwunden sind. Wir spüren sexuellen Missbrauch wie ein eigenes Problem. Wir sind sofort betroffen, wenn zum Beispiel neue Informationen durch die Medien gehen. Eine Welle geht durch die Gemeinschaft.


2.) Das können soziale Fachkräfte tun, um Kinder aus der Gefahr zu holen

a) Sexuellen Missbrauch erkennen

Missbrauch sieht man Kindern oft nicht an. Es ist schwer, die körperlichen Folgen zu entdecken. Dennoch machen blaue Flecken, Narben u.ä. aufmerksam und gehören abgeklärt. Schau genau hin. Auch wenn viele Kinder und Jugendliche nicht über ihren Missbrauch sprechen, machen sie häufig mit anderen Signalen auf ihre Schmerzen aufmerksam. 

Wichtig: Es gibt eindeutige Signale, die auf sexuellen Missbrauch hinweisen. Man kann sie aushalten lernen – und übersetzen lernen. Problem: sie sind unterschiedlich interpretierbar. Und sie können auch andere Ursachen haben (z. B. Schulstress oder andere Gewalthandlungen). 

Das sind 4 Bereiche, in denen du Hinweise auf sexuellen Missbrauch findest

  • sprachlich 
  • gegenständlich
  • nicht-sprachlich
  • nicht-gegenständlich (Darauf gehe ich später genauer ein.)

Die klare Aussage von einem Kind gilt als wichtigster Beweis. Und doch ist es für sexuellen Missbrauch typisch, dass das Problem genau da liegt. Weil Kinder je nach Alter verschieden gut sprechen. Weil sie oft verstummen. Und weil das Erkennen-Können und das Wahrhaben-Wollen zusammenhängen.

Der Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung

Bei Vermutung und Verdacht richtig zu handeln ist nämlich gar nicht so einfach. Wir sind da manchmal wie vernebelt – das gehört zum Thema. Und genau daraus können wir Rückschlüsse ziehen. Darum gibt es den § 8a Kinder- und Jugendhilfegesetz. Er ist der einzige Paragraf im KJHG, der ein genaues Vorgehen beschreibt. Weil das Thema sexueller Missbrauch so viel Unwägbares im Gepäck hat. Weil es brutal und gleichzeitig schwer zu fassen ist.

Das sind die Schritte im § 8a 

Schritt 1 Du erfährst gewichtige Anhaltspunkte.
Schritt 2 Du schätzt das Gefährdungsrisiko zusammen mit anderen Fachkräften ein. 
Schritt 3 Bei der Gefährdungseinschätzung lässt du dich von einer insoweit erfahrene Fachkraft beraten. 
Schritt 4 Jetzt kannst du die Eltern mit einbeziehen – es sei denn, das gefährdet ein Kind. Und du bietest Eltern geeignete Hilfen an.
Schritt 5 Du gibst die Info an das zuständige Jugendamt weiter.
Schritt 6 Das Jugendamt verschafft sich einen Eindruck von dem Kind und von seiner Umgebung. Es bietet Hilfe an und wendet die Gefahr ab.
Schritt 7 Besteht eine dringende Gefahr, nimmt das Jugendamt das Kind oder den Jugendlichen in Obhut.
Schritt 8 Das Jugendamt ruft das Familiengericht an, wenn die Erziehungsberechtigten nicht bereit sind, oder nicht in der Lage, mitzuwirken.

b) Sexuellen Missbrauch beenden

Menschen brauchen Ruhe und Zeit, um zu akzeptieren, dass ein möglicher sexueller Missbrauch wirklich wahr ist. Die innere Bereitschaft dazu wächst nur allmählich. Gleichzeitig müssen Fachkräfte im sozialen Bereich darauf achten, dass sie nichts verschleppen oder verleugnen. Jetzt ist es wichtig, systematisch Fakten zusammenzutragen, um die Gefährdung einzugrenzen. 

Wenn du verwirrt eingreifst oder sofort bei der Polizei anzeigst kann es sein, ein Kind wird erneut schweigen – und eine spätere rechtliche Intervention unmöglich. Vor allem, wenn das Kind, um das es geht, dagegen ist. Oder falls du es nicht sicher beschützen kannst. Informationen der Polizei

Soziale Fachkräfte wissen oft nicht, ob ein sexueller Missbrauch in der Familie liegt. Darum kann es schlecht ausgehen, wenn du gleich, ohne dich zu beraten, auf die EItern zugehst, um einen Verdacht zu klären. Das Kind ist dann in Gefahr, noch massiveren Druck zu erfahren. 

Mit diesen Elementen stehen soziale Fachkräfte sexuellem Missbrauch gegenüber

  • Beziehungen (zu Kindern, Familien, anderen Fachkräften)
  • Innere Haltungen (parteilich für ein Kind, beständig, zuversichtlich)
  • Gespräche (beraten, empfehlen, Teams)
  • Bürokratische Prozesse und Schriftsätze (Stellungnahmen vor Gericht, Fallakten)

Das sind Instrumente, mit denen das Jugendamt einschreiten kann

  • Mobile Hilfen, bspw. Familienhilfe
  • Inobhutnahme
  • Herausnahme aus der Familie
  • Stationäre Jugendhilfe
  • Begleiteter Umgang mit verdächtigen Eltern

Mit diesen Mitteln ist es möglich, die Interessen von Kindern durchzusetzen. Wenn es sein muss, auch gegenüber ihren Eltern.

„Be Water, my friend.“ (Bruce Lee) Wasser ist weich, es verbindet, es ist stetig, es gewinnt.

c) Sexuellen Missbrauch verarbeiten

Ein Kind kann sexuellen Missbrauch nicht alleine beenden. Die Erwachsenen sind verantwortlich. Und weil das so ist, ist jeder Verdacht auf sexuelle Gewalt das Problem der Personen, die den Verdacht haben und nicht das Problem der Kinder. Nur wenn du stark genug bist, kannst du richtig hören, was ein Kind dir sagt. Kinder spüren: Wenn du mit einem Bein draußen bleibst, weil du selbst deine Betroffenheit gut verarbeitest, kannst du ihnen besser helfen. Und so können Kinder sexuellen Missbrauch leichter bewältigen.

Mit einem sexuell verletzten Kind in der Nähe gibt es keine Neutralität. Jeder ist betroffen. Ob er das leugnet oder scheinbar kalt an sich vorbeilässt. Ob es dich verwirrt oder ärgert. Oder ob du zerschlagen reagierst oder schon abgehärtet.

Das gehört zur Arbeit von sozialen Fachkräften bei sexuellem Missbrauch

  • Sie machen sich die eigene Krise bewusst.
  • Sie halten Betroffenheit aus.
  • Sie überwinden Sprachlosigkeit
  • Sie verringern die Gefahr, blind zu agieren. 

Soziale Arbeit mit Kindern, die sexuelle Gewalt erlebt haben, ist eine seelischer Arbeit, die extrem unterschätzt wird. Dazu gehört auch, dass soziale Fachkräfte mehr und mehr lernen, wie sie daran wachsen, wie sie mit jedem Mal stärker und klüger werden – statt auszubrennen oder zu zerbrechen.

Du siehst schon, in welche Richtung das geht. Und wichtig ist außerdem, dass du (auch) für sich selbst da bist. Denn du brauchst deine Kraft – wenn dir die Puste ausgeht bist du keine Hilfe!

Am meisten hilfst du Kindern, wenn du ihnen glaubst, wenn du Fallkooperationen eingehst, wenn du auf deinem Fachgebiet mutig handelst, und wenn du besonnen an weitere Hilfssysteme weiterleitest. Um einen Verdacht zu klären wirst du sowieso mit anderen zusammenarbeiten. 

Kinder können sexuelle Übergriffe sehr gut verarbeiten – ohne Langzeitfolgen. Schütze sie vor weiteren Übergriffen, und schenke ihnen die Unterstützung, die du bereitstellen kannst. Die Ansprache des Tatverdächtigen überlässt du am besten der Polizei. Die Handhabe der Polizei ist anders.


3. Schluss mit Hilflosigkeit, Überreaktionen und Angst im Umgang mit sexuell missbrauchten Kindern

In Aussagen und Gedanken wie diesen verstecken sich Hilflosigkeit und Angst:
„Das hat der nicht so gemeint.“
„Wenn ihr auch immer so aufreizend angezogen seid.“ 
„Vielleicht war das ja nur ein Missverständnis und er dachte, das sei okay?“

Es ist ein Unding, so zu reagieren, wenn auch verständlich. Solche Abwehrgedanken schützen Täterpersonen. Und genau so heißen sie deshalb auch: Täterschutz. Es ist gar nicht so leicht, sich dabei selbst auf die Schliche zu kommen.

Victim-Blaming nervt, es ist peinlich und überholt. Trotzdem ist es oft die erste Reaktion, wenn du von einem sexuellen Übergriff erzählst. Auch enge Freunde und liebe Verwandte tappen in die Falle der instinktiven Abwehr. Und dann schämen sie sich vielleicht für ihren Fehler. Oder sie lernen was für’s Leben.

a) Hilflosigkeit

Don’t worry. Du bist wie dafür gemacht, anderen zu helfen, sie zu unterstützen und zu begleiten. Sonst wärst du nicht im sozialen Beruf gelandet. Also bist du auf jeden Fall gut genug und du kannst es meistern. Das, was dir vielleicht noch fehlt, kannst du leicht lernen. 

Jedes Mal, wenn soziale Fachkräfte mit einem Kind durch eine Krise gegangen sind, sind sie gewachsen. Sie haben einen Stein im Brett bei mir. Und beim Universum vermutlich, für gutes Karma. Ihre Wirksamkeit wird wachsen, weil sie die Energie spüren, die daher kommt, dass sie etwas Sinnvolles tun. Sie haben alle Voraussetzungen – weiche Faktoren sind ihr Metier. Das emotionale Grundgerüst wird stärker. Und sie können jederzeit etwas dafür tun.

b) Überreaktionen

  • Andere beschuldigen ist eine normale Reaktion. Und dennoch: hör auf damit. Es ist dasselbe wie mit Lästern. Es mag für dich den Moment entlasten, aber in Wirklichkeit hilfst du einem Kind damit überhaupt nicht.
  • Psychisch angesteckt reagieren ist normal. Flucht, Angriff und Erstarren sind die ersten Traumareaktionen. Sie verstecken sich irgendwo in deinem Verhalten. Garantiert! Das müssen sie sogar. Und doch: Lerne deine Reaktion kennen – so gut wie es geht. Filtere das mit der Zeit. Du kannst dann darin lesen und Antworten entdecken.
  • Agitieren: normale Reaktion. Aber besser, andere machen das als du. So kannst du cool bleiben, beobachten und mit der Zeit davon losgelöst für Kinder und Jugendliche da sein.

c) Angst

Keine Angst vor sexuellem Missbrauch. Was passiert ist kannst du nicht ändern. Hin und wieder geschehen schlimme Dinge. Als sozialer Profi bist du nicht das verletzte Kind, und du bist auch nicht deine Angst. Du bist jetzt erwachsen, im Beruf an der richtigen Stelle, und darum kannst du dich dafür entscheiden, für Kinder in Not einen Ausweg zu finden.

Wenn du es nüchtern betrachtest: was soll dir passieren? Das Kind, um das es geht, hat überlebt. Jetzt kann es weitergehen. Stecke deine Gefühle für den Moment in eine andere Schublade. Angst ist okay – erst das, was du daraus machst, kann zum bösen Drama werden oder die Dinge zum Guten bringen. Wenn du Angst hast, kann es sein, der Schritt, der vor dir liegt, ist gerade so groß, dass er dir genau entspricht. Wie bei einer Heldenreise, oder bei einer Prüfung. Hatten wir alle schon.

4. Vier Säulen für Kinderschutz bei sexuellem Missbrauch. Das brauchst du unbedingt

1. Ein emotionales Grundgerüst

Was wir der Gewalt entgegensetzen ist innere Stärke. Das gilt für dich und mich, und es gilt für die Kinder, die sexuellen Missbrauch erlebt haben – oder erleben. Manches von dieser Stärke bekommen wir von Geburt an mit, als Konstitution, es ist veranlagt. Anderes können wir uns aneignen: eine Kondition, die immer stärker wird, je mehr wir trainieren. 

Das sind die 3 Elemente innerer Stärke

  • Innerer Schutz
  • Innere Sicherheit
  • Innere Freiheit

2. Know How

Je mehr du weißt desto mehr Ansatzpunkte hast du und desto größer ist dein Handlungsspielraum. Und du bist weniger durcheinander. 

Das sind Informationen, die immer wieder eine Rolle spielen 

  • Grundwissen über die traumatische Reaktion ist hilfreich. 1 Buchtipp: Krüger
  • Basiswissen zu rechtlichen Fragen. Nach der Strafanzeige folgt ein Ermittlungsverfahren und dann eventuell ein Strafverfahren. Und dann in der Regel geringe oder gar keine Haftstrafen. Wende dich zu diesen Fragen an eine Beratungsstelle über sexuelle Gewalt. Oder direkt an einen Anwalt oder eine Anwältin für Opferstrafrecht. Ein Straf- und Ermittlungsverfahren kann extrem belasten. Bis hin zu einem Zusammenbruch. Darum ist mit der Anzeige ein Risiko verbunden. Die Fachberatungsstellen kennen sich aus und können dich unterstützen. Ein wichtiges Detail: Sexueller Missbrauch ist ein Offizialdelikt. Darum kann man eine Anzeige nicht mehr zurücknehmen, wenn sie einmal gemacht ist.
  • Ein Thema, das oft Fragen aufwirft: Die Unterscheidung zwischen Doktorspielen und sexueller Gewalt.

3. Zusammenarbeit und Vernetzung

Vielen ergeht es genauso wie dir, wenn sie mit sexuellem Missbrauch zu tun haben. Alle Beteiligten haben meistens eines gemeinsam: Sie wollen das Beste für ein Kind, weil sie ihm auf keinen Fall schaden wollen. Kinderschutz ist auf Zusammenarbeit ausgelegt. Jeder Fall ist anders. Darum bringt es am meisten, wenn die unterschiedlichen Bereiche bezogen auf einen Fall zusammenarbeiten.

Du bist ein Rückhalt für Familien, die Hilfe brauchen. Du brauchst also doppelt Netz und Boden – für deinen eigenen Schutz und für den Schutz der Familien, die du begleitest. Zusammen mit anderen machst du weniger Fehler. Du überträgst dann den eigenen Schock nicht auf die Kinder sondern verteilst ihn auf mehr Schultern. Und zu tragen gibt es genug. 

Es gibt keine eigene Zuständigkeit für die Abfolge Erkennen-Beenden-Verarbeiten. Sondern einzelne Menschen oder Teams, die an unterschiedlichen Stellen sitzen. Das ruft nach Kooperation und Vernetzung. Die Fälle, in denen soziale Organisationen mit anderen Beteiligten Schulter an Schulter zusammenstehen, gehen am besten aus. 

Die Täterinnen und Täter tun sich in Netzwerken rund um die Welt zusammen. Wir auch?

„Lasst uns alle vereint sein … und nach der Menschenwürde leben.“ Rede von Dr. Denis Mukwege, Friedensnobelpreisträger, Frauenarzt in Afrika am internationalen Tag gegen Gewalt. 25.11.2020

So klappt die Vernetzung

  • Wenn Menschen das abgeben, was aus ihrer Zuständigkeit rausfällt,
  • wenn sie untereinander Informationen austauschen,
  • sich zusammentun und gemeinsam Strategien entwickeln. 

Sexueller Missbrauch ist niemals allein das Problem einer einzigen Person. Das wiederhole ich, weil es so wichtig ist: Wenn du im sozialen Beruf arbeitest, dann ist es wichtig, dass du Rückhalt bei anderen Menschen hast.

Hilfe in deiner Nähe: Fachberatungsstellen

Karte von Deutschland mit Fachberatungsstellen gegen sexuellen Missbrauch

4. Die nonverbale Ebene

Kinder lösen ein Trauma nicht logisch, sondern mit dem, was sie mit ihrem vitalen Sensor als gut erkennen. Dem gehen sie nach. So suchen sie Hilfe. Da, wo sie eben gerade sind. Dann, wenn es sich gut anfühlt.

Wenn du einen Fall von sexuellem Missbrauch begleitest, dann hab im Blick: Das wird sicher keine Sache von eins plus eins gleich zwei – kognitiv, monokausal, linear oder so.

Auf einer nonverbalen Ebene werden sich alle gegenseitig anstecken – mit den emotionalen, den gefühlsmäßigen Reaktionen. Es geht um viele weiche Knie, in verschiedenen Rollen. Mutter oder Vater, Pädagoge, Geschwister jeder schwingt instinktiv mit. Die gute Nachricht: an welchem Ende wir auch anpacken, immer ist es für etwas gut. Wo fester Boden entsteht, da gibt ihn jemand weiter. Stabilität steckt an. Das gesamte Umfeld profitiert vom kleinsten Schritt nach vorne.

Darum kann es nichts schaden, wenn du auf den ausgetretenen Pfaden der Sozialarbeit einmal etwas anders machst. Auch wenn du jemanden einschätzen willst, dem du sexuelle Gewalt nicht wirklich zutraust. Mach dich auf den Weg nach neuen Lösungen, nach Hilfe von außen, statt intern zu beschwichtigen. Frag dich: Was brauche ich jetzt wirklich? 

Drei Ideen out of the Box

  • Körpersprache & Mikromimik geben Hinweise auf die Unwahrheit. Achte (inoffiziell) auf solche Merkmale bei Menschen, die im Verdacht stehen. Warum wir schlecht Lügen entlarven
  • Nonverbale Methoden können helfen, Kinder auf einer tiefen Ebene zu verstehen.
  • Externe Hilfe, unabhängige Berater oder Weiterbildung in deinem Team sind eine gute Idee für den professionellen Umgang mit sexueller Gewalt

In meiner Praxis biete ich auch Hilfe für Soziale Träger. Bei mir kannst du in Ruhe über alles reden – auch über sehr schwere Fälle. Und was noch hilfreicher ist – Kinder, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, können ihr Trauma lösen, sich entspannen und Mut fassen. 


5. Stolpersteine und Fallen für soziale Fachkräfte bei sexuellem Missbrauch und warum sie unvermeidbar sind

Mit sexuellem Missbrauch umgehen, das ist wie: Harte Fakten treffen auf weiche Herzen. Bäm! Und jetzt? Du kannst den Stolpersteinen und Fallen nicht immer ausweichen. Sie sind mächtig, sie sind unbewusst, und sie haben System. Aber du kannst damit arbeiten. Wenn etwas verborgen abläuft, ist es ja meistens gut, es ans Licht zu holen. Ich kenne keine erfahrene soziale Fachkraft, die nicht schon auf einen überzeugenden Täter reingefallenen ist. Ich natürlich auch.

Das sind typische Stolpersteine und Fallen bei sexuellem Missbrauch

Die Falle der Einzelanstrengung

„Ich wurschtle mich durch, überschätze mich, vertiefe mich in eine Einzelheit, bleibe hängen an der Frage: warum? oder ich glaube, dass „perfekt“ mir weiterhilft, möchte alles selber machen, weil dann ist es richtig, u.s.w. 

Spaltung

Täterpersonen haben eine helle Seite und eine dunkle Seite. Das verwirrt die Kinder, die von ihnen missbraucht werden. Und es verwirrt die beteiligten Mitmenschen. Es klingt so: „Ich kann es nicht glauben, dass dieser nette Mann ein Kind quält. Ich denke: Der arme Mann! dem muss ich helfen. Im nächsten Moment traue ich es ihm ohne weiteres zu und denke: Das Schwein! der war’s.“ Oder in Gruppen: ein Teil stellt sich spontan auf die Seite des mutmaßlichen Täters – die anderen auf die andere Seite dagegen. Die Parteien bekämpfen sich.

Das Dramadreieck

ist ein Muster zwischen Menschen, die darin drei Rollen einnehmen: Täter, Opfer und Helfer. Das passiert, weil Menschen miteinander in Resonanz sind. Nicht nur Viren verbreiten sich viral. Noch schneller springen Gedanken über. Und Rollen. Die Beteiligten übernehmen die Rollen ohne es zu wollen. Sie spielen die Rolle, das heißt, sie sind nicht die Rolle. Das Dramadreieck ist wie ein Schatten im Umfeld von Missbrauch und Gewalt immer dabei. Es kann extrem irreführend sein.

Andere nicht-gegenständliche Phänomene

wie Gefühlsübertragung, psychische Ansteckung, Parallellprozesse. Das geht so: „Ich ertappe mich dabei, wie ich „für“ jemanden viel zu viel oder viel zu wenig tue. Ich bin verstrickt oder angestrengt optimistisch und „helfe“ dysfunktionell. Es kann auch ein, dass ich auf eine Weise handle, wie ich mich selbst nicht kenne. Es passiert mir, dass ich mich vor einem Kind ekle und denke: das darf ich nicht. Das kann ich kaum denken, ohne wahnsinnig zu werden – vor Schuld und Scham. Es gelingt mir nicht, eine Lüge wahrzunehmen – stattdessen ertappe mich dabei, wie ich auf einen überzeugenden Täter reinfalle, belüge mich selbst, stecke den Kopf in den Sand wie der Vogel Strauß, weil ich die Wahrheit nicht ertragen würde.“

Diese Elemente helfen dir jetzt

  • Trial and Error „Ich teile, was ich erlebe und reflektiere es mit anderen.“ Supervision und Intervision
  • Soft Skills „Ich bleibe gelassen und betrachte nüchtern, wie ich aus dem Schlamassel am besten wieder heraus komme. Ich verlasse mich auf meine Fähigkeiten, wie Intuition, Reflexion, Weitsicht, Entschlossenheit, Zuversicht, Geduld u.a. Wenn sie gerade weg sind, dann werden sie schon wiederkommen.“
  • Zivilcourage und der Blick nach vorne „Ich stehe immer ein Mal mehr auf als ich hingefallen bin. Ich nehme allen Mut zusammen. Ich gehe Risiken ein. Ich verlasse meine Komfortzone.“ Für manche ist es die innere Entscheidung: „Ich ziehe meinen Kampfanzug an.“

Plus: Wie eine Lebensgeschichte trotzdem gut weitergeht

Paul ist ein Junge aus Haiti. Der neun Jahre alte Junge ist eher tough, aktiv und unkompliziert. Er lebt mit seiner Mutter, Frau Rara, und seinen zwei Schwestern, Lila und Marta, in Köln. Paul hat seine frühe Kindheit in Haiti verbracht, auf der Straße, in einem der ärmsten Länder der Welt. Dort war er einige Zeit ganz auf sich alleine gestellt – bis seine Mutter ihn nach Deutschland holen konnte. 

Die Kinder Lila, Marta und Paul gehen in unterschiedliche Schulen. Frau Rara arbeitet als Küchenhelferin. Sie leben in einer kleinen Bude. Die Kinder besuchen eine Gesamtschule. Alle tun Tag für Tag alles das, was das Leben von ihnen verlangt. Die Familie leistet nichts Außergewöhnliches.

Es geht Paul gegen den Strich, wenn der neue Freund von Frau Rara ihm den Finger in den Po schiebt. Er mag weder, wie es sich anfühlt, noch das Zittern und Schnaufen von dem Mann, noch mag er den Geruch. Er kann es nicht leiden, wie der Mann ihn dabei fest hält. So fest, dass er kaum atmen kann.

Paul kennt Gesichter der Gewalt. Er könnte das hinnehmen. Aber als er einmal miterlebt, wie der Mann seine Mutter schlägt, ruft er die Polizei. Er hat die Nase voll. Er nimmt die Dinge in die Hand. In der Not ganz schnell. Ein Jugendamt. Ein Polizeieinsatz. Die Familie wird in Sicherheit gebracht. Sie lebt ab sofort in einem Frauenhaus. Und von da geht es gut weiter. 


6. Neue Lösungen: Profitiere von meinem Know How

Ich habe ein eigenes System, mit dem ich einem Verdacht nachgehe. 
Übertrage es auf deine soziale Arbeit, ich glaube, das geht! 

Das sind die 6 Schritte
1.) Der erste Verdacht Sexualisiertes Verhalten; typische Traumafolgen wie Übererregung, Flashbacks, Aggressivät oder Rückzug. Sichtbare Verletzungen am Körper, auch verheilte Narben.
2.) Verdacht-Cluster Wenn Kinder etwas wiederholen, das ich verdächtig finde. Diese Cluster können Indizien für „wiederholte schwerwiegende Beziehungstaten“ sein.
3.) Sammeln Nach und nach sammle ich die Elemente.
4.) Zuordnen Ich ordne die Hinweise in die Bereiche sprachlich (A), gegenständlich (B), nicht-sprachlich (C), nicht-gegenständlich (D). 
5.) Gewichtiger Anhaltspunkt Ich addiere die Hinweise aus den Bereichen. Liegen Hinweise aus mehr als zwei Bereichen vor, dann habe ich einen klaren Verdachtsfall. Ein Beispiel aus der Tonfeldtherapie: ein Vierjähriger formt einen Penis aus Ton (B), umfasst ihn mit einer oder beiden Händen, nimmt Wasser dazu und rutscht rhythmisch daran auf und ab (B), bekommt einen Tunnelblick (D) und muss laut würgen (C).
6.) Begründeter Verdacht Daraus ergibt sich ein begründeter Verdacht, den ich weitergeben kann.

Extra: Die Sprachebene
Manche Kinder erzählen im Verlauf der Sitzungen etwas, ohne dass ich nachfrage. (A) Sie sagen: „Der Papa hat so ein Ding, das mag ich nicht. Das sieht so-und-so aus …“  oder: „Georg macht dies-und-das.“ Ich frage niemals nach und ich bleibe neutral. So bin ich sicher, dass ich dem Kind keine Worte in den Mund lege. Dann weiß ich, dass an der Aussage des Kindes kein Zweifel besteht. Sie belegt einen klaren Verdacht und hat Beweiskraft – auch vor Gericht.


Die große Vision und die kleinen Schritte dahin

Geh deinen Weg. Definiere kleine Ziele. Lerne weiter und wachse weiter. Genieße die schönen Seiten deiner Arbeit. Bewahre dir deinen Humor.

Das kannst du erreichen: Du gibst Druck ab, verbesserst deine professionelle Identität, hast weniger Angst vor der falschen Entscheidung. Es kann sein, dass du persönlichen Ziele erreichst, zum Beispiel indem du dazu beigetragen hast, dass misshandelte Kinder ein normales Leben haben.


Es wird Situationen geben, die besonders schwer sind. Wenn Kinder etwas Schlimmes erleben, kann einen das ganz schön runterziehen. Du brauchst ziemlich viel Kraft, wenn du für Kinder verantwortlich bist – und noch viel mehr, wenn du mit sexuellem Missbrauch zu tun hast. Lass dich dabei unterstützen! Ich komme direkt zu dir in deine Einrichtung in meiner Region (Neckar/Alb). Und ich bin auch online per Zoom für dich da. Wenn du willst, dann schau hier nach mehr dazu.


Über die Autorin

Autorin Andrea Brummack

Andrea Brummack ist Sachverständige in Fragen sexueller Gewalt und freie Kinderschutzbeauftragte. Sie hilft Menschen, sexuelle Übergriffe zu bewältigen.

Ihr Buch „Way Out: Sichere Hilfe für missbrauchte Kinder. Was hilft und was heilt“ ist beim Springer-Verlag Berlin Heidelberg erschienen. Sie lebt mit ihrer Katze derzeit in einem Dorf bei Stuttgart, glaubt an die tägliche Portion Stille und liebt gut gemachte Krimis, in denen die Bösen ihr Fett ab kriegen. Ohne Glitzer.

„Meine Vision ist eine neue Generation von sozialen Fachkräften, die leicht mit sexuellem Missbrauch umgehen. Ich wünsche mir lebendige Beziehungen im Kinderschutz. Und ich verstehe, dass sozialpädagogische Fachkräfte ihre Arbeit lieben – auch wenn der Stress gewaltig ist. Weil da diese Kinder sind. Diese kleinen, unverfälschten Menschen.“